Hamburgs postkoloniales Erbe

von G. de Jong

Hamburgs postkoloniales Erbe

Afrikahaus
Das 1899 vom Hamburger Architekten Martin Haller erbaute Afrikahaus in der Großen Reichenstraße 27, Foto: Pixelio

Mit dem Begriff „Erbe“ verbindet man zumeist positiv ein materielles Vermächtnis in Geld und/oder Immobilien. Wenn das Erbe dagegen Schulden oder müßige Pflichten umfasst, wird es gern mal verschwiegen oder gar verdrängt. In dieser Hinsicht überrascht der Hamburger Senat, wenn er für das dreijährige Forschungsprojekt Hamburgs postkoloniales Erbe zur Aufarbeitung der selbstgeschaffenen Erblast Kolonialismus 400.000 Euro zur Verfügung stellt. Ein vergleichsweise geringfügiger Betrag in einer Metropole, die bei zuweilen anschwellendem Größenwahn flankiert durch geschwätzige Medien zu keinem Zeitpunkt unterlassen kann, sich selbst superlativisch als reich und schön zu feiern. Aber immerhin ist Hamburg bezogen auf die Geschichte des deutschen Kolonialismus die erste deutsche Großstadt, die sich einer gern vergessenen Ära stellt, in der etwa anderthalb Millionen Menschen ums Leben kamen. Andererseits hat Hamburg bzw. bestimmte Teile der damaligen Bevölkerung von der Ausbeutung anderer Völker und Kulturen profitiert wie keine andere Stadt oder Region des ehemaligen deutschen Reiches. Insbesondere die Hamburger Kaufleute hatten vehement die Aneignung von Kolonien gefordert und konnten den diesbezüglich abgeneigten Bismarck erst überzeugen, nachdem ihr damaliger Cheflobbyist, Adolf Woermann, diverse Male im Sachsenwald vorstellig geworden war. Daraufhin wurden ab 1884 Kamerun, Togo und Namibia als Deutsch-Südwestafrika sowie Tansania, Ruanda und Burundi als Deutsch-Ostafrika kolonalisiert und Hamburg war das Tor mit kolonialem Blick in die Welt.

Heutige Spuren des Kolonialismus sind in Hamburg fast nur noch in der Benennung von Straßen- oder Gebäudenamen wahrzunehmen. Dabei ist die Namensgebung eines Asphaltstreifens, eines Gebäudes oder bestenfalls Platzes nach einer Person zur Würdigung derselben gedacht und nicht etwa als Mahnmal. Und eben unter diesem Aspekt gibt es im Rahmen der Aufarbeitung in Hamburg immmer noch Handlungsbedarf, was sich erfahrungsgemäß umständlich und langatmig gestaltet.

Als ein Beispiel kann die ehemalige Kaserne in Hamburg-Jenfeld genannt werden, die nach ihrer Errichtung 1934 bis zum Jahr ihrer Schließung 1999 Lettow-Vorbeck-Kaserne hieß. Paul von Lettow-Vorbeck, der „Löwe von Afrika“, war Kommandeur der so genannten Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika und verantwortet im Rahmen seines Feldzugs im ersten Weltkrieg eine Million Tote, was die Nationalsozialisten offensichtlich dazu veranlasste, besagte Kaserne nach ihm zu benennen. Noch im Jahr 1954 befand Lettow-Vorbeck, dass der europäische Kolonialismus den Afrikanern viele Segnungen bezüglich der Ordnung, Gerechtigkeitspflege und Hygiene gebracht hätte. Es ist zu befürchten, dass die ehemalige Kaserne immer noch nach ihm benannt wäre, wenn sie heute noch genutzt würde.

Daneben gab es natürlich zivile Profiteure des Kolonialismus, denen durch Namensgabe im öffentlichen Raum falsche Ehre erwiesen wird. So war Heinrich Carl von Schimmelmann, derzeit verewigt im Schimmelmannstieg, der Schimmelmannstraße und der Schimmelmannallee Sklavenhändler und -halter, der sein Imperium mit der Ausbeutung von mehr als 1.000 Sklaven in seinen Plantagen festigte. Noch im Jahr 2006 wurde in Wandsbek eine Büste von ihm aufgestellt, die allerdings 2008 nach erheblichen Protesten wieder entfernt werden musste.

Oder die Wißmannstraße benannt nach Hermann von Wissmann, der als Reichskommissar und Gouverneur der Kolonie Deutsch-Ostafrika den Aufstand von 1888 mit einer Brutalität niederschlagen ließ, die ihm schon zu Lebzeiten Kritik einbrachte. Die so genannte „Wissmanntruppe“ zog mordend und brandschatzend durchs Land, welches sich heute auf Ruanda, Burundi und Tansania aufteilt.
Und natürlich auch Adolp Woermann, der das heute unter Denkmalschutz stehende Afrikahaus 1899 errichten ließ und es zwar  nicht zu einer Straße gebracht hat, aber  mit dem Woermannstieg im Gedächtnis bleibt. Mit seinem damaligen Befinden: „Zur Erweiterung des Absatzes ist der direkte Verkehr der Europäer mit den Negern im Inneren erforderlich; dieser kann aber nur herbeigeführt werden, wenn die Küste im Besitze einer europäischen Macht ist.“, forcierte er eine Kanonenbootpolitik, infolgederer die Westafrikaner, in diesem Fall die Kameruner, recht schnell einsehen mussten, ihre Länder samt aller Hoheiten abzutreten, wenn sie nicht die volle militärische Macht des deutschen Reiches über sich ergehen lassen wollten. Demzufolge gingen alle Rechte an Gesetzgebung und Verwaltung an die Firmen Woermann, Jantzen und Thormählen über. Später profitierte Woermann mit seiner monopolistischen Woermann-Linie vom so genannten Herero-Aufstand (1904-1908 Genozid mit geschätzten 90.000 Toten im Volk der Herero und Nama), weil er alle Militärtransporte für 6 Millionen Reichsmark ausführte, wobei schon 1906 bemängelt wurde, dass vollkommen überhöhte Frachtkosten und Liegegebühren in Rechnung gestellt worden waren.

Also dürften die Ergebnisse des Forschungsprojekts doch recht interessant ausfallen, noch interessierter kann man dann hinsichtlich der notwendigen Konsequenzen sein, die daraus gezogen werden müssten. Denn konsequent war man jüngst nach Auffassung mancher Historiker bei der Benennung neuer Straßen im Bereich der Hafencity ganz und gar nicht. Schließlich waren Marco Polo, Vasco da Gama oder Magellan keine Heilsbringer sondern Kolonisatoren, wenn auch ein paar Jahrhunderte früher. Bekanntlich starb beispielsweise Magellan bei dem Versuch die heutige philippinische Insel Mactan gewaltsam zu erobern, um sie und ihre Bewohner für Spanien und Christentum einzunehmen. Die Bemühungen zur Aufarbeitung des globalen Kolonialismus stehen offenbar erst am Anfang ... (gdj)

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